Projekt UCI-WM – Teil 2: das Finale in Aalborg

Drei Qualifikationstickets in der Tasche konnten Jörg, Torsten und Micha ihre Fahrt nach Dänemark zum Finale der UCI-WM der Masters-Klassen in Aalborg planen. Am Samstag früh ging es los auf die 850 km lange Anreise – erst trocken und windig, dann immer feuchter werdend. Die Idee, einen Teil des Kurses mit den Rädern abzufahren, ertrank in halben Sturmfluten. Immerhin konnten wir noch die letzten 25 km des Kuses auf vier Rädern besichtigen, bevor wir die Startnummern abholten und unser Quartier nördlich von Aalborg bezogen.

Am Renntag herrschten zwar windige, aber zum Glück trockene Bedingungen. Jörg und Micha startete in größten Peleton mit 247 Fahrern, und auch Torstens Altersklasse war nur wenig kleiner besetzt. Aus den 13 Qualifier-Events rekrutiert oder per nationaler Wildcard ausgestattet standen pro Altersklasse 200-250 Renner am Start, wobei die Mehrzahl so aussahen, als könne man ihnen durchaus einen guten Pedaldruck zutrauen. Eine große Unsicherheitskomponente war, dass wir ohne Streckenhelfer auskommen mussten und daher nur mit Bordmitteln ausgestattet fahren konnten. Um im kalten Nordwind nicht auszukühlen, ging erst spät am Auto los und in die Startbox hinein. Somit starteten wir fast vom Feldende. Auf den ersten 7 km im Mitwind gelang es Jörg und Micha, sich im Feld vorzuarbeiten. Da alle wussten, dass bei dem straffen Nordwind ab dem Schwenk nach Osten die Windkante droht, musste man dies auch. Tatsächlich löste sich bereits bei km 14 eine 20er Gruppe mit vielen Favoriten vom Feld. Jörg war erst mit dabei, aber die Windstaffel war für die Zahl der Fahrer auf der ersten ansteigenden und mit hartem Kantenwind versehenen Straße nicht ausreichend. Als Claus Holm vorn das Tempo hochzog starb Jörg auf der Kante seinen Tod und fiel ins Feld zurück, in dem sich Micha gerade mühsam nach vorn orientierte. Die Szene kann man auch im Video (bei 3:55-4:45) ansehen. Das Feld hatte bereits eine Lücke von 10 s zur Spitze. Also musste Micha alles auf eine Karte setzen und hämmerte erst mit drei, wenig später nur noch mit einem Mitfahrer als letzte Nachfahrer noch zur Spitzengruppe vor. Dort rollte der Zug gut und das Feld war bald außer Sicht. Jörn Reuss war mit in der Spitze, aber auch andere Nationen waren mit 2 oder mehr Fahrern vertreten.

Die leichten Hügel zu Kursmitte ging es flott aber relativ gleichmäßig hinauf. Erst kurz nach der 2. Verpflegung bei km 115 brach plötzlich ein Attacken-Feuerwerk aus. Zwei Dänen, ein Franzose, ein Belgier, ein Slowene, … lauter Versuchsballons stiegen in die Luft – und zerplatzten zumeist recht bald. Als zwei Dänen mit einem Franzosen das Weite suchten, fuhr der mehrfache Zeitfahrweltmeister Richard Feldman am äußersten Straßenrand mit enormem Dauerdruck hinterher und hoffte wohl, dadurch einige auf die Kante genommene Verfolger abstreifen zu können. Als die Attacke der drei Vorausfahrenden eingefangen war, zog Micha nochmals drüber und nahm dabei nur einen Fahrer mit. Hinten führte die erneute Beschleunigung zur Trennung der Gruppe, wobei nur die vordere Hälfte der Fahrer wieder zu Micha hinkamen. Mit noch 12 Fahrern, darunter auch Reusse, ging es  in den letzten etwas längeren Hügel bei Gulbaeck (mit Weingut (!) am Straßenrand). Der Anstieg wurde von einem Dänen in wildem Ritt eröffnet, Micha übernahm kurz, dann aber turbodieselte Feldman wieder von vorn und oben angelangt auf der Kante weiter – nur noch 10 Fahrer. Bei km 140 auf einer breiten Hauptstraße mit kurzer Mitwindpassage wuchtete nun Claus Holm alleine vorn weg. Sobald es wieder auf die Kante ging war es wieder Feldman, der am Straßenrand jonglierend das Vollgas einfach stehen ließ. Nach 5 km war Holms Flucht so auch wieder beendet, aber ein anderes Ungemach begann: die Spitzengruppe des Rennens war an der 3. Verflegung auf die etwa 50 Mann starke Hauptgruppe des 10 min vorher gestarteten Rennens der AK 40-44 aufgelaufen. Da in dieser Gruppe noch Platz 10 der AK 40-44 ausgefahren wurde, ließen sie uns nicht als separate Gruppe vorn wegziehen, sondern es kam zu einem gemischten Peleton.

Bei km 155 kam der letzte kürzere Stich mit Gegenwind, aber durch die Größe des gemischten Feldes war hier keine relevante Selektion in unserer Gruppe mehr möglich. Kurze Abfahrt, wenige Kurven und man befand sich schon auf den breiten Hauptstraßen 6 km vor dem Ziel. Die Einfahrt in die Innenstadt auf den letzten 1200 m ist schmal und knifflig. Daher brachen bereits auf der mehrspurigen Straße zu beiden Seiten Attacken beider Altersklassen los. Jüngere Slovenen unterstützten ihren Kollegen, Italiener den Ihrigen, … aber der starke Gegenwind verhinderte, dass sich kleinere Gruppen entscheidend absetzen konnten. Vor dem Teufelslappen mit den engen Straßen konnte sich Micha ins vordere Drittel vorarbeiten, nahm den weiteren Bogen links in die Kayerodsgade hinein und konnte den Schwung durch die Kurve mitnehmend eine freie Linie bekommen, also gut drauflatschen! Nach weiteren 300 m war Micha auf Position 4 bei einer kritischen rechts-links-Schikane. Bis zur letzten Kurve 350 m vor dem Ziel fuhren allerdings einige Fahrer mit der Brechstange innen hinein. Etwa in 8. Position des gemischten Feldes kam Micha um die letzte Kurve, beschleunigte, musste einigen Hinterrädern ausweichend eine Linie finden und konnte noch am später viertplatzierten Slovenen und dem Bronzemedaillengewinner Holm vorbei zirkeln. Am Kanadier Daniel Martin, der die Kurve mit dem höchsten Risiko genommen hatte, kam Micha aber nicht mehr heran (Video bei ca. 5:04:10). Der Vizeweltmeister-Titel war aber eingefahren. Jörn Reuß, der Deutsche Meister der Jahre 2012/2013 wurde 5., Jörg kam mit dem Hauptfeld auf Platz 37 ins Ziel.

Torsten, der im Rennen der AK 50-54 startete, lag über die ersten zwei Renndrittel gut in der vordersten Gruppe positioniert. Leider wurde er aber kurz nach der 2. Verpflegungsstelle durch einen schleichenden Druckverlust augebremst und konnte erst nach einer Reparatur bei der dritten Verpflegung den weggeeilten Feldern hinterfahren. Am Ende gab es noch Platz 33 für ihn. Dass wir im Team zumindest eine Silbermedaille einfahren konnten, entschädigte teilweise für diesen Ausfall, aber Torsten hätte sich auch gerne gezeigt, was er im Rennfinale “drauf hat”. Nach der Siegerehrung ging es gegen 17 Uhr los nach Hause – wieder mit strömendem Regen in 9-Stündiger Autofahrt in die Nacht hinein …

Fazit: die erste Teilnahme bei der wieder unter striktem Amateurstatus ausgetragene UCI-WM war ein lohnender Höhepunkt. Im Jahr 2016 wird das weniger einfach möglich werden, da die UCI-WM 2016 in Perth (Australien) ausgetragen werden wird.

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Bilder oben: https://www.sportstiming.dk

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